ethan hawke
bar/innen/tag
empfangsdame: ethan hawke? sitzt da drüben.
ich (winke rüber)
er, (kommt mit federnden schritten angelaufen): sind wir verabredet?
ich: wenn sie eine domina bestellt haben, ja.
bardame: (hüstelt)
er: ?
ich: war nur spaß.
er (kichert): ach so. wollen wir uns an die bar setzen?
hawke ist blass, ein bisschen spillerig, dunkelblond, hat die art von kunstvoll verwuscheltem schopf, der heutzutage von extrem teuren und hippen friseuren hergestellt wird und einen… sagen wir… fünf-tage-bart. auch bisschen spillerig. mintgrünes hemd über jeans, graues t-shirt drunter, dicker goldener ehering. er hat den james-dean-blick drauf, aus wasserblauen augen, mit halb geneigtem kopf. den ich-krieg-immer-gesagt-dass-ich-niedlich-bin-blick. ich werde ihm definitiv nicht sagen, dass er niedlich ist. ich finde ihn nicht mal niedlich. ich finde, er sieht okay aus. normal. sympathisch normal. jung. beängstigend jung. das ist vermutlich heute seine rolle. die rolle des sympathisch normal gebliebenen lausbuben. sehr groß ist er nicht, unter 1 meter 80. vermutlich macht sich die turmhohe uma thurman, seine frau und mutter seiner kinder, immer klein auf den paarfotos. jedenfalls sieht sie kleiner aus als er, auf allen fotos, die ich gesehen habe.
ich: macht sich uma immer klein, wenn sie neben ihnen steht?"
er (holt american spirits aus der hemdentasche, die blauen, reißt die packung auf und bietet mir eine an): manchmal.
ich: ich rauch nicht.
er: aha. (zündet sich eine an).
er wirkt müde und etwas abwesend. ich werde ihn aufwecken müssen. sinfonie mit dem paukenschlag. und los geht's.
ich: als ich gehört hab, dass ich einen hollywoodschauspieler interviewen soll, wollte ich erst nicht.
er (sieht überrascht auf)
ich (mit einem kleinen anflug von sadismus): ich kannte sie nicht mal.
er: ach---
(wir schweigen beide, er rauchend)
er (kokett): ich hoffe, es kotzt sie nicht allzu sehr an.
ich: nee, is okay, ich hab ja dann glücklicherweise festgestellt, dass sie bücher schreiben.
an dieser stelle mache ich eine pause, um die spannung zu steigern. vorgestern ist hawkes zweiter roman erschienen. sein erster wurde vor sechs jahren von der kritik in der luft zerrissen. seitdem ist viel geschehen. er hat uma thurman geheiratet. er ist vater zweier kinder. er ist für den oscar nominiert worden. er hat regie geführt. vor ihm liegt eine lesereise. heute abend geht es los, signierstunde bei barnes und noble. vermutlich werden wieder diese ganzen promi-autogramm-jäger kommen, diese bagage, die durch die bank alles sammeln, was berühmt ist. keiner von denen ist wirklich an ihm als schreiber interessiert, sagt er. das nervt, sagt er.
ich: ich bin an ihnen als schreiber interessiert. ich hab ihre bücher gelesen, alle beide.
er: und?
ich: sie gefallen mir.
er: jetzt bin ich aber erleichtert. zumal ich gehört habe… also mein agent hat mir hier aufgeschrieben…. else buschheuer… (er bricht sich fast die zunge bei der namensnennung… zwei hs in der mitte… wie kann man nur so heißen?)… german novelist. sie schreiben auch bücher? ich bin gerührt, dass er sich offenbar auch vorbereitet hat. ich beginne umgehend, mütterliche gefühle für ihn zu entwickeln. und das, obwohl uns nur fünf jahre trennen. vielleicht, weil seine bücher vom erwachsenwerden handeln, das erste vom vergeblichen versuch, das zweite vom mehr oder weniger gelungenen. ich würde ethan jetzt gern das du anbieten. leider gibt es diese nuance im englischen nicht. hier aber.
er: wo ist eigentlich dein fragenzettel?
ich: hab keinen. willst du mich vielleicht was fragen?
er: ja. was steht da auf deinem ring?
ich: hare krishna.
er: warum?
ich: ich lebe in einem hare-krishna-tempel.
er: wow! cool!
ich (bestelle ein wasser, innerlich triumphierend): dein neuer roman ist ja ein ziemlich spirituelles buch. gottsuche und so.
er (zögert kurz, bestellt dann auch ein wasser): jetzt weiß ich auch, warum ich dich gleich auf anhieb mochte.
ich: ja, nich? vermutlich ist das eine schicksalhafte begegnung.
er: ganz sicher sogar. wenn man davon ausgeht, dass alles einen höheren sinn hat, dann ist jede begegnung schicksalhaft. wie ist das, in einem tempel zu leben? erzähl mal.
ich: wie im kloster: beten, spirituelle bücher lesen, gutes tun, missionieren. sowas halt.
er: chanten auch?
ich: klar. stundenlang. da gibt es einmal das sprechen des hare-krishna-mantras auf jede einzelne perle der gebetskette. sechzehn runden täglich. du wirst die ketten kennen, die mit 108 perlen, deine frau ist ja buddhistin.
er (lässig): klar, kenn ich.
ich: oder kirtan, das singen. das ist wie, wenn du im radio eine frequenz suchst und plötzlich hörst du die stimme gottes.
er: yeah. das ist ja echt spannend. ich hab grad ein buch gelesen, the spontaneous mind, eine sammlung von alan-ginsberg-interviews. da spricht er immer über die kraft des chantings.
ich: ja, ginsberg hat vor jeder lesung hare krishna gechantet.
na bitte, läuft doch. eigentlich wollte mich hawke im gramercy park hotel treffen, an der leicht schlunzigen bar, da trifft sich die new yorker boheme gern, aber das hotel ist heute geschlossen. also schlug seine agentur das l'express vor, ein französisches saubermann-bistro, park avenue ecke zwanzigste straße. man kann hier rauchen, das scheint wichtig. er ist allein gekommen, kein agent, keine bodyguards. er wird nicht mal von fans belästigt. das ist auch etwas new-york-typisches. ein ungeschriebenes gesetz. hier werden stars nicht von fans belästigt. aber vielleicht erkennt ihn auch einfach keiner. er sieht ein bisschen unscheinbar aus. ein ruhiger, freundlicher aufmerksamer junger mann, seine müdigkeit scheint wie weggeblasen. auch kein hunger, er hat schon gegessen. aber noch eine zigarette. unser interview beginnt, den charakter eines zeitvertreibs anzunehmen, der in amerika "hang out" genannt wird.
er (dreht sich auf dem barhocker hin und her, wippt mit den füßen): hast du eigentlich mal meinen schwiegervater sprechen hören?
ich: nö.
er: umas vater lehrt buddhismus an der columbia university. er war der erste weiße mönch in dalai lamas orden. er lebte vier jahre in indien und wollte dann nach amerika zurück. der dalai lama dachte, er wär noch nicht soweit. aber er ging trotzdem. und dann hat er sich in umas mutter verliebt.
ich: dann hatte der dalai lama also recht.
er: ja. er hat also umas mutter geheiratet, vier kinder gezeugt und ist noch heute happy mit der entscheidung. ein sehr spiritueller mann. sehr ernsthaft. sehr kompliziert. ein phantastischer kopf. er gibt sehr profunde einführung in den buddhismus, geh da mal hin, hör dir das mal an.
ich: mach ich. bist du durch ihn auf den spirituellen trip gekommen?
er: hat zumindest eine rolle gespielt. aber ich habe da auch meinen eigenen weg gehabt. ich war auch sehr angeregt von einem katholischen schreiber, thomas merton. musst du unbedingt mal lesen.
ich: mach ich.
er: ich bin sogar hingepilgert zu dem kloster nach louisville in kentucky, wo merton als mönch gelebt hat. musst du unbedingt mal hin.
ich: mach ich.
er: was tust du denn so gutes?
ich: ich backe täglich muffins für die obdachlosen im tompkins square park.
er (anerkennend): das klingt sinnvoll. und was hast du früher gemacht?
ich: ich war fernsehmoderatorin in deutschland.
er: wow. und was ist besser, fernsehstar sein oder muffins backen?
ich: muffins backen. das öffentlichsein ist tödlich für die seele. man wird extrem auf das äußere fokussiert. sie zupfen dir die augenbrauen. sie malen die lippen größer. sie decken die augenringe ab. sie schminken dir jedes quentchen individualität aus dem gesicht. einmal haben sie mir so schaumgummidinger in den bh gesteckt, damit oben alles aus dem dekolleté suppt. aber wem erzähl ich das.
er: du solltest mein neues buch lesen. also, das was ich demnächst schreiben werde. das kommen solche sachen vor wie das männliche äquivalent zu schaumgummidinger-in-den-bh-stecken. das ist wirklich deprimierend. erniedrigend ist das. (schüttelt sich)
ich: da ist eine stelle in "aschermittwoch", in der christy, deine weibliche heldin, darüber nachdenkt, ob wir unsere körper sind. in dem zusammenhang eine sehr interessante frage.
er: ja. ich glaube, bin nicht mein körper. wenn ein arm ab ist oder ein bein, dann bin ich ja trotzdem noch derselbe.
ich: die frage ist: wenn wir nicht unsere körper sind, was sind wir dann?
er: du, ich denk da dauernd drüber nach. was bin ich? warum bin ich? wenn ich nicht mein körper bin, warum hab ich dann einen?
ich: du bist ja auch nicht dein auto und hast trotzdem eins. menschen steigen in autos ein, um von a nach b zu kommen. vielleicht steigen seelen in körper ein, um von a nach b zu kommen. also, was sind wir? körper? seele? verstand? ein mix?
er: keine ahnung.
ich: manchmal sind wir ja einfach lieber jemand anders. deine helden geben gern vor, jemand anders zu sein. kannst du das auch gut, jemand anders sein?
er: klar, man muss ja reinkommen in die figuren.
ich: die frage ist, kommt man auch wieder raus.
er: naja, nicht immer.
kurz beschäftigt mich der gedanke, welche rolle ethan hawke jetzt grade spielt. die des nachdenklichen sensiblen künstlers, gereift und dennoch jungenhaft? eitel, aber dennoch reflektiert? fragt er mich dinge, weil er sich wirklich interessiert oder will er nur interessiert rüberkommen? denkt er gerade wirklich nach oder weiß er einfach nur, dass ihm die pose des nachdenkens steht? verfügt er überhaupt über eigene gedanken oder spielt er nur jemanden, der eigene gedanken hat? ich weiß es nicht. vermutlich weiß er es selber nicht.
er: was sind denn deine spirituellen wurzeln?
ich: null. zero. atheistenhaushalt. und deine?
er: ach, alles durcheinander. mein stiefvater war katholisch, mein schwiegervater ist buddhist, ein paar von meiner familie sind episkopal, andere sind baptisten. viele einflüsse. aber kein hare krishna. müsst ihr da eigentlich auch regeln einhalten bei euch?
ich: frag nicht nach sonnenschein. kein nikotin, koffein, alkohol, drogen, fleisch, fisch, ei, sex, glücksspiel.
er: wie ist das so ohne sex?
ich: hab ich doch geahnt, dass du nicht fragst: wie ist das so ohne glücksspiel? ohne sex, also, pffff, keine große sache.
er (guckt bewundernd): als ich mit 19 berühmt wurde, nach dem "club der toten dichter", da war es so furchtbar einfach, sex zu haben. es nahm mir wirklich das ganze vergnügen am sex. die mädchen wollten gar nicht wirklich mit mir schlafen. sie wollten es nur ihren freundinnen erzählen, dass sie mit mir sex hatten. als beweis dann ein gemeinsames foto, das war's. das war total deprimierend. ich wollte mich umbringen. ich weiß, dass an dem leben, das ich damals geführt habe, nichts, aber auch gar nichts positives war. und trotzdem. ich vermisse es.
ich: waaas? rumvögeln? das hab ich aber jetzt nicht gehört. du bist verheiratet. millionen leserinnen in deutschland werden empört sein.
er (reuevoll): zu recht. ich weiß ja, dass es falsch ist. ich sag ja auch nicht, dass ich es mache. ich sag ja nur, dass ich es vermisse. das ist wie eine beichte. du bist ja so eine art nonne. ich meine, ich weiß, das ist ein oberflächliches, verdammenswertes bedürfnis, aber - ich hab es. kennst du das gebet: herr, gib mir keuschheit, aber jetzt noch nicht?
ich (mit gespielter strenge): sowas beten wir bei uns im tempel nicht.
ich hab nicht mal den eindruck, dass der grad mit mir flirtet. ich glaube wirklich, dass der grade beichtet. obwohl es ziemlich offensichtlich ist, dass dies kein beichtstuhl ist, sondern eine bar, kein rosenkranz, sondern ein aufnahmegerät und ich keine nonne, sondern eine journalistin. er spielt grade einen sünder. andererseits. hawke ist grade strohwitwer und hat gestern "böse gesoffen". uma ist mit den kindern aufs land gefahren. vielleicht flirtet er doch? an dieser stelle des gesprächs wagt sich dann doch ein autogrammjäger an den tresen, ein junger mann, hawke unterschreibt, "all the best", und findet nette worte für ihn. danach steckt er sich noch eine an und fragt mir ein loch in den bauch.
er: und das rauchen? konntest du einfach so mit dem rauchen aufhören?
ich: ja, von einem tag auf den anderen, nach zwanzig jahren.
er: wow! für gott?
ich: wenn du so willst. zigaretten fehlen mir nicht. alkohol fehlt mir auch nicht. fleisch schon gar nicht.
er: ich wollte ja vor kurzem auch vegetarier werden, aber ich hab so doll zugenommen, da hab ich wieder aufgehört.
ich: das hab ich ja noch nie gehört, das fleisch essen schlank macht. ich hab auch zwanzig pfund zugenommen, seit ich nicht mehr rauche. aber ich bin ja nicht mein körper.
er: eben. habt ihr eigentlich auch ein restaurant im tempel?
ich (mühsam meine wut verbergend, dass er nicht gesagt hat, ich sehe gar nicht dick aus): ja. vegetarisch natürlich.
er: wo ist das? east village? schreib mal die adresse auf. da komm ich mal hin.
ich: mach das.
hawke fragt und fragt. nach meiner familie und meinen freunden und ob ich kinder habe und ich antworte und das band läuft und ich werd das nachher beim abhören alles vorspulen müssen. er hat nun endgültig die rolle des journalisten übernommen und ich lasse ihn. alles andere hat keinen zweck. ich hab jede menge hawke-interviews gelesen. die antworten sind eh immer wieder dieselben. sie werden automatisch abgespult. hawke und der ruhm. hawke und die familie. hawke, der nie stillsitzen kann. hawke, der sich nicht darum schert, ob oscar oder nicht. man drückt einen kopf und, klick, da ist die dazugehörige antwort. für solchen quatsch ist die lebenszeit zu schade. seine und meine.
er (sieht auf die uhr): ich finde, das war gar kein interview.
ich: sagen wir, es war eine art freestyle.
er: ja, komisch, das war irgendwie ein ganz normales gespräch.
ich: ich dachte, mal was anderes.
er: ja! schade, dass die zeit um ist.
ich: ich muss sowieso aufs klo.
er: ich auch.
ich: wir können ja schlecht zusammen gehen.
er: wieso nicht?
ich: okay, wer zuerst fertig ist.
er ist zuerst fertig. sonst gewinne ich solche wettbewerbe immer. vermutlich hat er sich nicht die hände gewaschen. gehen wir noch ein stück?, fragt er. wir laufen die 20. straße richtung osten. zum abschied umarmt er mich und wir tauschen telefonnummern. ich hätte ihn gern als kleinen bruder, als sohn, als kumpel. wir sollten unbedingt in kontakt bleiben, sagt er. klar doch. dann geht er zu seinem apartment, um noch ein nickerchen zu machen, bevor er sich auf die nächste rolle vorbereitet: die des signierenden romanautors. ich sehe ihm nach, sein mintgrünes hemd flattert im sommerwind. er guckt sich nicht um. warum auch. dann laufe ich zurück richtung tempel und werde gleich merken, dass ich vergessen habe, ein foto von uns zu machen und dass auf meinem aufnahmegerät nicht viel drauf ist und dass ich noch so viel fragen wollte. selbstverständlich wird er nie anrufen oder in unser vegetarisches restaurant kommen. höchstwahrscheinlich werde ich nie thomas mertons kloster besuchen oder mir eine vorlesung von umas vater in der columbia university anhören. und trotzdem, ich schwöre bei krishna und buddha, haben wir das in dem moment, als wir uns das versprochen haben, vollkommen ernst gemeint.