03.09.2010
leipzig
1. p.s. unterschied twitter-facebook
auf twitter ist es schick, arbeitslos, versoffen, verkommen, faul, promisk und maximal zynisch zu sein. entsprechende tweets, in denen zum beispiel jemand seine hose sucht, um eine party zu verlassen, werden in den himmel gefavt. bei facebook ist der himmel anderswo. in einer anderen etage vielleicht, einer saubereren, einer in einem schnieken bürogebäude. mit café latte (aber sojamilch fatfree). bei facebook sind die menschen mit kinderstube, schicken berufen, schicken namen und vieeeelen rundweg gut einsehbaren medienkontakten. bei facebook schämt man sich nicht seiner guten taten, daumen hoch für diese caritas und gegen jene ungerechtigtkeit, man schämt sich ebenso wenig seiner religiösen neigungen, verlinkt erbauliche gedichte, gern auch mal opas hardrock, und wünscht sich gegenseitig allerlei redundanten schönen scheiß. alle sind nett. es wird weitgehend geduzt. ein siezen ist deplatziert und birgt ein nicht unbeträchtliches aggressionspotential in sich. selbst, wenn sie die person bisher "draußen" gesiezt haben - das wird nun nicht mehr nötig sein, also, möglich sein, denn ihr gehört demselben weltverherrlichenden gedichtverlinkenden netzwerk an, kurz hesagt: sie sind vergangenheit, aber du, du, du bist jetzt mein lieber, mein guter, mein oft kommentierender, mich sicher oft kommendierender facebook-buddy, so wie christoph waltz, der sich bald nicht mehr mit jedem anfreunden kann, so wie er es bisher tat, weil er das maximum von 5000 freunden erreicht hat, obwohl ich, nach facebook-kriterien finde, 5000 freunde bei facebook sind immer noch zu wenig. man kann mit ihnen eine sekte aufbauen, gut - aber kann man mit ihnen eine revolution machen? und wird es, falls man eine machen kann, nicht nur um peelings, diäten und werbung für mode-illustrierte gehen? familienbande, kaum ist man ihnen entkommen--- da sind sie wieder!
in kommentaren weist man gern in form von kosenamen darauf hin, dass man dem "freunde" möglicherweise näher steht als andere "freunde" - irgendwie muss man sich ja abheben. geburtstage werden millionfach an pinnwänden beglibbert und beglückwunscht, in ähnlicher wortwahl, wieder und wieder und wieder, von laura und sabine, von hinz und kunz. bei facebook geht es eben um hinz und kunz, nicht um kunsthinzt und wortkunst. bei facebook wird gemenschelt, und zwar mächtig gewaltig egon, aber natürlich nicht kreuz und quer. da wird sehr aufgepaßt, wen wir in die edle kaste lassen. schließlich ist man ja sowas wie familie. eine schrecklich nette familie. und wenn da ein fremder reindrängt - na, da soll er uns erst mal ein angebot machen, das wir nicht ablehnen können. man sagt sich alles gute zum geburtstag. es ist eben so. nicht zuletzt, weil facebook unmißverständlich darauf hinweist, so wie eine mutter, die sagt, du MUSST mal wieder oma anrufen. selbst ich habe, offenbar in tranceartigem virtuellen gehorsamkeitstaumel, bereits fremden oder halbfremden facebook-"freunden" zum geburtstag gratuliert, nach eben demselben prinzip, nach dem ich in der transsibirischen eisenbahn, sobald wir die grenze von rußland zu china überschritten, sofort stehend salutierte, als mich ein chinesischer schaffner um 6 uhr morgens zum harsch richtung frühstückswaggon quakte. totalitäre sozialisation sitzt eben doch tief. da kann man noch so als punk tun. drinnen ist man, bis in die letzte nervenfaser, ein ddr-bürger, der kein typisch westdeutsches empörungs-trara macht. jedenfalls nicht spontan. vielleicht kommt er später zum chinesischen schaffner zurück und sagt, moment mal, little mao, noch so'n ding, augenring. aber dann ist es aufgesetzt, verschlimmbessert, nicht mehr wahr.
ich kommentiere sogar, obwohl ich das kommentieren hasse. vor allem die nachfragen zu meinen tweets, die bei facebook irgendwsowas wie statusänderungen heißen. man schreibt zum beispiel "ich zweifle" und dann kommen sachen wie: warum? woran? why now? ach bitte nicht zweifeln, liebe else (von wildfremd, bin aber mit wildfremd befreundet). himmel, was macht dieses facebook aus mir? eine rechtfertigerin? eine erfüllungsgehilfin? die vollstreckerin? fir ptibstrindtrllungs-kontrolltante? oder etwa die regelbrecherin - das schwein?
twitter hat mich heil gelassen, jedenfalls nach meinem der not gehorchenden gewaltakt tausendfacher entfolgung. facebook ist on the bright side of life. sunny side up. gefällt mir. gefällt mir. gefällt mir. gefällt euch. gefällt euch. belallt uns. aber gefall ich mir noch? belall ich nur mehr mir?
in kommentaren weist man gern in form von kosenamen darauf hin, dass man dem "freunde" möglicherweise näher steht als andere "freunde" - irgendwie muss man sich ja abheben. geburtstage werden millionfach an pinnwänden beglibbert und beglückwunscht, in ähnlicher wortwahl, wieder und wieder und wieder, von laura und sabine, von hinz und kunz. bei facebook geht es eben um hinz und kunz, nicht um kunsthinzt und wortkunst. bei facebook wird gemenschelt, und zwar mächtig gewaltig egon, aber natürlich nicht kreuz und quer. da wird sehr aufgepaßt, wen wir in die edle kaste lassen. schließlich ist man ja sowas wie familie. eine schrecklich nette familie. und wenn da ein fremder reindrängt - na, da soll er uns erst mal ein angebot machen, das wir nicht ablehnen können. man sagt sich alles gute zum geburtstag. es ist eben so. nicht zuletzt, weil facebook unmißverständlich darauf hinweist, so wie eine mutter, die sagt, du MUSST mal wieder oma anrufen. selbst ich habe, offenbar in tranceartigem virtuellen gehorsamkeitstaumel, bereits fremden oder halbfremden facebook-"freunden" zum geburtstag gratuliert, nach eben demselben prinzip, nach dem ich in der transsibirischen eisenbahn, sobald wir die grenze von rußland zu china überschritten, sofort stehend salutierte, als mich ein chinesischer schaffner um 6 uhr morgens zum harsch richtung frühstückswaggon quakte. totalitäre sozialisation sitzt eben doch tief. da kann man noch so als punk tun. drinnen ist man, bis in die letzte nervenfaser, ein ddr-bürger, der kein typisch westdeutsches empörungs-trara macht. jedenfalls nicht spontan. vielleicht kommt er später zum chinesischen schaffner zurück und sagt, moment mal, little mao, noch so'n ding, augenring. aber dann ist es aufgesetzt, verschlimmbessert, nicht mehr wahr.
ich kommentiere sogar, obwohl ich das kommentieren hasse. vor allem die nachfragen zu meinen tweets, die bei facebook irgendwsowas wie statusänderungen heißen. man schreibt zum beispiel "ich zweifle" und dann kommen sachen wie: warum? woran? why now? ach bitte nicht zweifeln, liebe else (von wildfremd, bin aber mit wildfremd befreundet). himmel, was macht dieses facebook aus mir? eine rechtfertigerin? eine erfüllungsgehilfin? die vollstreckerin? fir ptibstrindtrllungs-kontrolltante? oder etwa die regelbrecherin - das schwein?
twitter hat mich heil gelassen, jedenfalls nach meinem der not gehorchenden gewaltakt tausendfacher entfolgung. facebook ist on the bright side of life. sunny side up. gefällt mir. gefällt mir. gefällt mir. gefällt euch. gefällt euch. belallt uns. aber gefall ich mir noch? belall ich nur mehr mir?
25.08.2010
02:55
leipzig
unterschied zwischen facebook und twitter – frühe recherchestufe
bei twitter bin ich seit anderthalb jahren, bei facebook – intensiv mit erkunden und verstehenwollen – erst seit wenigen wochen. auffällig ist, dass mich das „anfreunden“ bei facebook gar nicht stört, das „folgen“ bei twitter aber sehr. woran liegt das? ist das was irrationales oder was handfestes? ich versuche, dem auf die spur zu kommen.
mein eindruck: bei facebook sind mehr menschen, die arbeiten. bei twitter sind mehr müßiggänger, studenten und menschen, die sich als sozial benachteiligt empfinden (und daraus mitunter schon mal einen kult machen)
bei facebook sind mehr (ältere?) menschen, mit denen ich in der branche schon mal zu tun hatte, die ich tatsächlich persönlich kenne oder über bande (dritte oder indirekt - ich hab über sie geschrieben oder sie über mich – oder man kennt sich immerhin namentlich). bei twitter sind die meisten unter 40. die wenigsten kennen sich und grillen mal eine wurst zusammen. twitterer kommen mir insgesamt linker vor als die facebook-menschen. aber während bei zwitter sich hinz und kunz bedenkenlos folgen, sich entfolgen, dann wieder folgen, herrscht bei facebook ein etwas engherziges, ach was sag ich, engköpfiges motto:
ich würde gern den folgenden paragraphen aus dem facebook hilfsbereich näher untersuchen:
facebook ist ein ort, an dem sich menschen miteinander verbinden und inhalte mit freunden, familienmitgliedern, klassenkameraden, arbeitskollegen und anderen personen, die sie persönlich kennen, teilen. wenn du dich mit fremden auf facebook verbindest, untergräbt dies die mission von facebook und kann dazu führen, dass sich andere facebook-mitglieder unwohl fühlen.
dieser text allerdings kann dazu führen, dass ich mich unwohl fühle, so wie ich mich oft unwohl fühle in der virtuellen nähe von freunden, familienmitgliedern, klassenkameraden, arbeitskollegen. fremd, was ist das? wer ist das? kann fremd nicht auch ein kollege sein, ein klassenkamerad, ein familienmitglied?
gut, ich sehe, wofür facebook ursprünglich gedacht war, fun fun fun, babyfotos, komasaufen, was ja auch prima ist – dort, wo es passt.
ich aber wünsche facebook als ort zu nutzen, an dem ich menschen meines lebens wiederfinde, die ich verlor, mich mit menschen anzufreunde, die ich noch nicht oder nur beruflich kenne, andere seiten von ihnen sehen kann. diese menschen haben die möglichkeit, mich zu befruchten, während sie durch den tag gehen, mit liedern, mit links, mit zitaten, und sie geben mir die möglichkeit, sie zu befruchten. das kann nerven, das kann in die hose gehen, das kann aber auch zu sehr emotionalen ergebnissen führen, die nur einem menschen allein gehören. in einem dieser emotionalen ergebnisse werden uns fremde möglicherweise vertraut und verwandte wildfremd. nehmen wir an, ein prominenter hat ein vorurteil gegen alle journalisten, aber er freundet sich auf facebook mit einem journalisten an, den er entweder nicht als journalisten erkennt oder den er für die einzige ausnahme hält, weil er dessen artikel mag. nun sieht er, dass dieser journalist... was weiß ich.... zwei töchter hat, wie er selber, die gleiche musik mag wie er selber, vielleicht dieselben filme, und dass er durchaus zweifel am journalismus als solchem hegt. das heißt noch lange nicht, dass besagter journalist besagten promi nicht verreißen würde nach einem schlechten film, aber ein dennoch: ein link wird hergestellt, eine art kurzer menschlicher dienstweg, der nur die agenten frustriert. ein akt der emotionalen intelligenz, möchte man fast schreiben. umgekehrt stellt der journalist vielleicht fest, dass der schauspieler erheblich reflektierter ist als er dachte, dass es, ohne hier beschönigend klingen zu wollen, beim schaupieler facetten gibt, von denen der journalist nichts wusste. vielleicht treten beide indirekt in kontakt, indem sie die beiträge (statusmeldungen) der anderen kommentieren oder goutieren. vielleicht schreiben sie sich persönliche nachrichten. alles geht.
nun wieder facebook:
facebook ist ein ort, an dem sich menschen miteinander verbinden und inhalte mit freunden, familienmitgliedern, klassenkameraden, arbeitskollegen und anderen personen, die sie persönlich kennen, teilen. wenn du dich mit fremden auf facebook verbindest, untergräbt dies die mission von facebook und kann dazu führen, dass sich andere facebook-mitglieder unwohl fühlen.
wenn ich ausschließlich mit freunden, familienmitgliedern, klassenkameraden, arbeitskollegen und anderen personen, die mich persönlich kennen, wie zum beispiel der frau in meiner chemischen reinigung, meiner zahnärztin und ähnlichen blutsbekannten verkehren will, dann muss ich nach nicht zu facebook gehen. dann brauche ich nur durch leipzig gehen oder durch eilenburg oder sonst wo lang. die schlurfen ja alle privat durch mein leben.
auf facebook suche ich meine lebensbegleitenden künstlerischen helden wie christoph schlingensief, der sich – vier wochen nach meiner freundschaftsanfrage und drei tage nach seinem tod – gestern mit mir anfreundete. und nicht nur das. wörtlich hieß es: „christoph schlingensief hat deine freundschaftsanfrage bestätigt. da er neu bei facebook ist, solltest du ihn den personen vorschlagen, die er kennt." 15:06
auf facebook versuche ich mein glück beim schauspieler christoph waltz, den ich zwar einmal traf, 1993, als ich für dieter wedel ein drehbuch schreiben sollte – aber daran erinnert der sich ganz bestimmt nicht. vielleicht kennt er ein buch von mir oder added einfach jeden oder vielleicht ist es gar nicht selber. jedenfalls freundete er sich mit mir an, und das gab mir ein gutes, ein durchaus passendes gefühl. zumal ich kurz zuvor von lilo wanders, mit der ich nun wirklich befreundet bin, die lakonische rückmeldung „zu viele freundschaftsanfragen“ erhielt. wenn christoph waltz in meiner freundschaftsliste ist, habe ich nicht das gefühl eines fans, der endlich ein autogramm kriegt, sondern eher das gefühl eines durch harte arbeit verdienten, also durchaus angemessenen geschenks. der mensch will ja oft nicht die freunde haben, die ihn zum freund wollen, sondern oft die anderen, die ihn vielleicht nicht wollen. aber vielleicht ja doch.
facebook kann, wenn man es drauf anlegt, ein objekt scheußlicher verachtung sein. gellende schreie, zerrissene kleider, keine ahnung, irgendwer will mich nicht zum freund - man kennt das ja von früher aus dem sandkasten, dennoch erfahre ich tatsächlich manchmal, dass die leute, die ich heimlich verehre, mich auch kennen. chefredakteure von blättern, die mich weder je beschäftigten noch über mich berichteten. was skurril ist, natürlich auch schmeichelhaft, aber in erster linie surreal. es ist das surreale element, was mich an facebook interessiert. wenn man die privaten einstellungen paukt und die gesetze zwar kennt aber bricht, kann via facebook ein job kommen oder ein kunstprojekt entstehen. nur mit dem unterschied, dass sie bei facebook bezahlt werden, bei twitter rotzlöffelig kostenlos eingefordert.
mein eindruck: bei facebook sind mehr menschen, die arbeiten. bei twitter sind mehr müßiggänger, studenten und menschen, die sich als sozial benachteiligt empfinden (und daraus mitunter schon mal einen kult machen)
bei facebook sind mehr (ältere?) menschen, mit denen ich in der branche schon mal zu tun hatte, die ich tatsächlich persönlich kenne oder über bande (dritte oder indirekt - ich hab über sie geschrieben oder sie über mich – oder man kennt sich immerhin namentlich). bei twitter sind die meisten unter 40. die wenigsten kennen sich und grillen mal eine wurst zusammen. twitterer kommen mir insgesamt linker vor als die facebook-menschen. aber während bei zwitter sich hinz und kunz bedenkenlos folgen, sich entfolgen, dann wieder folgen, herrscht bei facebook ein etwas engherziges, ach was sag ich, engköpfiges motto:
ich würde gern den folgenden paragraphen aus dem facebook hilfsbereich näher untersuchen:
facebook ist ein ort, an dem sich menschen miteinander verbinden und inhalte mit freunden, familienmitgliedern, klassenkameraden, arbeitskollegen und anderen personen, die sie persönlich kennen, teilen. wenn du dich mit fremden auf facebook verbindest, untergräbt dies die mission von facebook und kann dazu führen, dass sich andere facebook-mitglieder unwohl fühlen.
dieser text allerdings kann dazu führen, dass ich mich unwohl fühle, so wie ich mich oft unwohl fühle in der virtuellen nähe von freunden, familienmitgliedern, klassenkameraden, arbeitskollegen. fremd, was ist das? wer ist das? kann fremd nicht auch ein kollege sein, ein klassenkamerad, ein familienmitglied?
gut, ich sehe, wofür facebook ursprünglich gedacht war, fun fun fun, babyfotos, komasaufen, was ja auch prima ist – dort, wo es passt.
ich aber wünsche facebook als ort zu nutzen, an dem ich menschen meines lebens wiederfinde, die ich verlor, mich mit menschen anzufreunde, die ich noch nicht oder nur beruflich kenne, andere seiten von ihnen sehen kann. diese menschen haben die möglichkeit, mich zu befruchten, während sie durch den tag gehen, mit liedern, mit links, mit zitaten, und sie geben mir die möglichkeit, sie zu befruchten. das kann nerven, das kann in die hose gehen, das kann aber auch zu sehr emotionalen ergebnissen führen, die nur einem menschen allein gehören. in einem dieser emotionalen ergebnisse werden uns fremde möglicherweise vertraut und verwandte wildfremd. nehmen wir an, ein prominenter hat ein vorurteil gegen alle journalisten, aber er freundet sich auf facebook mit einem journalisten an, den er entweder nicht als journalisten erkennt oder den er für die einzige ausnahme hält, weil er dessen artikel mag. nun sieht er, dass dieser journalist... was weiß ich.... zwei töchter hat, wie er selber, die gleiche musik mag wie er selber, vielleicht dieselben filme, und dass er durchaus zweifel am journalismus als solchem hegt. das heißt noch lange nicht, dass besagter journalist besagten promi nicht verreißen würde nach einem schlechten film, aber ein dennoch: ein link wird hergestellt, eine art kurzer menschlicher dienstweg, der nur die agenten frustriert. ein akt der emotionalen intelligenz, möchte man fast schreiben. umgekehrt stellt der journalist vielleicht fest, dass der schauspieler erheblich reflektierter ist als er dachte, dass es, ohne hier beschönigend klingen zu wollen, beim schaupieler facetten gibt, von denen der journalist nichts wusste. vielleicht treten beide indirekt in kontakt, indem sie die beiträge (statusmeldungen) der anderen kommentieren oder goutieren. vielleicht schreiben sie sich persönliche nachrichten. alles geht.
nun wieder facebook:
facebook ist ein ort, an dem sich menschen miteinander verbinden und inhalte mit freunden, familienmitgliedern, klassenkameraden, arbeitskollegen und anderen personen, die sie persönlich kennen, teilen. wenn du dich mit fremden auf facebook verbindest, untergräbt dies die mission von facebook und kann dazu führen, dass sich andere facebook-mitglieder unwohl fühlen.
wenn ich ausschließlich mit freunden, familienmitgliedern, klassenkameraden, arbeitskollegen und anderen personen, die mich persönlich kennen, wie zum beispiel der frau in meiner chemischen reinigung, meiner zahnärztin und ähnlichen blutsbekannten verkehren will, dann muss ich nach nicht zu facebook gehen. dann brauche ich nur durch leipzig gehen oder durch eilenburg oder sonst wo lang. die schlurfen ja alle privat durch mein leben.
auf facebook suche ich meine lebensbegleitenden künstlerischen helden wie christoph schlingensief, der sich – vier wochen nach meiner freundschaftsanfrage und drei tage nach seinem tod – gestern mit mir anfreundete. und nicht nur das. wörtlich hieß es: „christoph schlingensief hat deine freundschaftsanfrage bestätigt. da er neu bei facebook ist, solltest du ihn den personen vorschlagen, die er kennt." 15:06
auf facebook versuche ich mein glück beim schauspieler christoph waltz, den ich zwar einmal traf, 1993, als ich für dieter wedel ein drehbuch schreiben sollte – aber daran erinnert der sich ganz bestimmt nicht. vielleicht kennt er ein buch von mir oder added einfach jeden oder vielleicht ist es gar nicht selber. jedenfalls freundete er sich mit mir an, und das gab mir ein gutes, ein durchaus passendes gefühl. zumal ich kurz zuvor von lilo wanders, mit der ich nun wirklich befreundet bin, die lakonische rückmeldung „zu viele freundschaftsanfragen“ erhielt. wenn christoph waltz in meiner freundschaftsliste ist, habe ich nicht das gefühl eines fans, der endlich ein autogramm kriegt, sondern eher das gefühl eines durch harte arbeit verdienten, also durchaus angemessenen geschenks. der mensch will ja oft nicht die freunde haben, die ihn zum freund wollen, sondern oft die anderen, die ihn vielleicht nicht wollen. aber vielleicht ja doch.
facebook kann, wenn man es drauf anlegt, ein objekt scheußlicher verachtung sein. gellende schreie, zerrissene kleider, keine ahnung, irgendwer will mich nicht zum freund - man kennt das ja von früher aus dem sandkasten, dennoch erfahre ich tatsächlich manchmal, dass die leute, die ich heimlich verehre, mich auch kennen. chefredakteure von blättern, die mich weder je beschäftigten noch über mich berichteten. was skurril ist, natürlich auch schmeichelhaft, aber in erster linie surreal. es ist das surreale element, was mich an facebook interessiert. wenn man die privaten einstellungen paukt und die gesetze zwar kennt aber bricht, kann via facebook ein job kommen oder ein kunstprojekt entstehen. nur mit dem unterschied, dass sie bei facebook bezahlt werden, bei twitter rotzlöffelig kostenlos eingefordert.
24.08.2010
16:41
leipzig
christoph schlingensief nannte mir am 16.05.1997 folgende 10 lieblingsfilme - in klammern seine bemerkungen dazu:
"opfergang" (sehr sehr spitze!!!)
"imitation of life"
"psycho" (mal wieder)
"leoparden kuesst man nicht" (immer wieder)
"vas de noce" (franzoesischer jungregisseur von mitte der 80-er jahre, der sich nach der fertigstellung ermordet hat)
"go west" (dick und doof) - gemeint ist way out west; usa 1937
"madeleine" (vlado kristl, experimentell)
"empire state" (ueberhaupt ganz viele warholfilme)
"martha" von fassbinder
"opfergang" (sehr sehr spitze!!!)
"imitation of life"
"psycho" (mal wieder)
"leoparden kuesst man nicht" (immer wieder)
"vas de noce" (franzoesischer jungregisseur von mitte der 80-er jahre, der sich nach der fertigstellung ermordet hat)
"go west" (dick und doof) - gemeint ist way out west; usa 1937
"madeleine" (vlado kristl, experimentell)
"empire state" (ueberhaupt ganz viele warholfilme)
"martha" von fassbinder
20.07.2009
17:50
leipzig
deutschland
kleiner rückfall
ich lebe nicht nur „auf der spitze meines kugelschreibers“, wie gottfried benn es formuliert hätte, einer, den wir heute hochmütig einen „alten mann mit kugelschreiber“ nennen würden. ich lebe auch wirklich, ich schlafe, esse, lese, tanze, etc. seit 3 monaten aber lebe ich nebenher in einer welt, in der @ariztweet übers wetter dichtet, @prachtmaedchen in seinen projektleiter verliebt ist und @mutterhase die pubertät ihrer tochter beargwöhnt. in dieser meiner neuen märchenwelt kann @silenttiffy nachts nicht schlafen, @frauenfuß malt jeden follower, @mlle_amandier gibt die begabte rotzgöre, @frau_elise fragt, ob käsepaste empfehlenswert ist, der @vergraemer und herr @haekelschwein produzieren unaufhörlich geistreich-skurriles, @derfreitag hält mich auf dem laufenden, die @gebenedeite entzückt mich mit lakonischen einzeilern, @sibylleberg und @fiktionaere twittern literarische häppchen, @schmeichelbot macht komplimente, @tourettebot flucht, @joshvonstaudach zeigt uns seine fotos, @mspro rät mir rund ums web, @ennomane beantwortet fragen zu den piraten, @wimbauer hilft mir, wenn ich ein seltenes buch suche und @saschalobo teilt das meer.
es ist, als hätte ich, eine einzelgängerin und eigenbrötlerin, die auf jeden zornig ist, der auch nur wagt, anzurufen, plötzlich tag und nacht die bude voll. 140 menschen reden dort durcheinander. meist monologisieren sie, manchmal verstricken sie sich in gespräche. sie schildern ihre stimmungen, ihre reisen, ihre empörungen, ihre zyklen. neulich habe ich mich mit einer twitterin namens @puppiges spontan geprügelt. ich hatte soeben das wort „twitte“ erfunden und twitterte „ey du twitte“. @puppiges twitterte zurück „selber twitte“. so ergab eins das andere, @schlenzalot gab den ringrichter, und ich produzierte virtuelle twittermarmelade aus @puppiges. das war lustig, und die differenzfeministin @antjeschrupp musste hinterher einschätzen, ob virtuelle catfights sexistisch sind. dennoch hab ich die konversation stunden später gelöscht. es war situationskomik, ein augenblick, vorbei, verweht, nie wieder. ich konserviere einen moment, der sich einem neuleser, einem zurückleser, nicht erschließen würde, nicht im netz, nur im herz.
man soll auch nicht vom wege abgehen. wir wissen ja, wie es rotkäppchen erging. und wie hat es mich nur in diesen virtuellen märchenwald verschlagen? es fing ganz harmlos an. meine freundin aus new york mailte „hey, steve buscemi ist wieder besoffen.“ –„ach!“, schrieb ich, „woher weißt du?“ – „na, weil er das grad getwittert hat.“ ge-was? da fiel mir ein, ich hatte kurz vorher gelesen, dass thorsten schäfer-gümbel als erster deutscher politiker ein interview via twitter gegeben hatte. der wenig charismatische schäfer-gümbel ging noch hier rein da raus, aber wenn steve buscemi twitterte, dann wollte ich wissen was verdammt noch mal das ist.
ein asteroidenschlag! ein erdbeben! bereits nach wenigen twitter-tagen beschloß ich, mein internet-tagebuch nach neun jahren stillzulegen. ich wurde, wie viele twitter-neulinge, erst mal eine followerin von den üblichen, von obama, von david lynch, von stephen fry, von ashton kutcher, von @oprah und selbstredend von @steve_buscemi. der war unglaublich. er soff, er hurte rum, er provozierte, er fotografierte jedes sandwich, bevor er es aß, und einmal sogar sein quietsche-entchen. es war schon fast unheimlich. es war, als lebte er mit mir, tag und nacht. ich war ein bisschen verliebt. in kürzester zeit hatte buscemi 30 tausend followers. vielleicht waren die alle ein bisschen verliebt.
es war ein schwarzer tag, als sein fake-account aufflog. der mann war nicht steve buscemi, der war irgend jemand. was ging mich irgendjemandes quietsche-entchen an? für mich ging eine beziehung zuende. überdies war ich enttäuscht von obama pr-büro-links, von stephen frys angeblich literarischen texten, und david lynch, einer meiner top regisseure, verstörte mich regelrecht mit seinem verschwiemelten jürgen-fliege-ton.
eines tages folgte mir harald schmidt. das fand ich merkwürdig. es war zwar nicht ganz unmöglich, denn ich war zweimal zu gast in seiner show, damals, bei sat.1, aber twittern? na gut, vielleicht war @bonitotv jemand aus seiner redaktion. aber nein. auch dies war ein fake-account. reiner @calmund und @yokoono bedankten sich persönlich für mein folgen – mit einer standard-antwort zwar, aber immerhin. ich fand sie trotzdem irgendwann fad und kickte sie aus meiner timeline.
auf einen neu-twitterer stürmt sehr schnell sehr viel ein. erst findet eine art einbürgerungstest statt: lernt man selbstständig, was zu tun und zu lassen ist oder fragt an jemanden? was ist DM, was ist faven, was ist hashtag, was ist timeline? und wie ist die follow/unfollow-funktion zu managen? was hat das mit dem blocken auf sich, wie füllt man 140 zeichen, wie oft und, vor allem, womit?
ich wusste schnell, dass ich keine „mir ist so langweilig“ tweets schreiben wollte. auch, dass ich nicht vielen twitterern folgen wollte, weil das meine möglichkeiten als ein-mann-firma übersteigt. mein vorsatz war und ist, dass jeder meiner leser, und ich spreche von den lesern meiner bücher, jeder meine fernseh-zuschauer, es leicht haben würde, mich bei twitter zu finden und zu lesen. keine geheimsprache, kein verschwörerton, kein herrschaftswissen. just a place to be.
über twitter würde der fiktive zuschauer oder leser meine zeitungstexte finden, den termin meiner sendung erfahren, er würde wissen, wann lesungen sind, und ich würde aus meinen büchern zitieren. das wäre die pflicht. die kür bestünde in filmtipps, buchtipps, empfehlungen anderer twitterer und, sollte ein krümchen vom tisch des herrn fallen, hier und da ein bonmot. kurz: ich würde twitter inhaltlich und sprachlich auf meine bedürfnisse zuschneiden.
für mich funktionieren nur maßgeschneiderte lösungen. auch mit bloggersoftware von der stange bin ich nicht klargekommen. die twitter-familie hat mich gut aufgenommen. aber mein versuch, die zahl derer, denen ich folge, für überschaubar (140 scheint das maximum) und meine tweets „sauber“ zu halten, also täglich flüchtige gedanken, tagesaktuelle kommentare und replies zu löschen, führt zu kritik anderer twitterer. ein umstand, den ich bedauere, aber nicht leider ändern kann. ein beliebter kritikpunkt ist darüber hinaus der vorwurf, man wolle sich vermarkten.
was ist daran verwerflich? selbstverständlich will ich mich vermarkten. 1. weil das unabdingbar ist in meinem beruf, 2. weil ich das selbst – nach leidvollen erfahrungen mit fremdvermarktern – am besten kann und 3. weil sich jeder, der sich öffentlich äußert, vermarktet, manche gut, manche schlecht.
der mitschwingende twitter-tenor ist oft, wenn man schon mitspielt, dann richtig. man sollte sich revanchieren, also all denen folgen, die einen selbst verfolgen, und zwar möglichst für immer, so was wie ehe oder immobilienkauf. das lehne ich ab.
@stricktier hat mich heute beim „um-zu-twittern“ ertappt, und sie hat letzlich recht. für mich war twitter als idee weder eine kontaktbörse noch ein posiealbum. twitter ist work in progress. klar lerne ich menschen kennen, klar tausche mich aus, aber am ende des tages ziehe ich sehr wohl einen strich zwischen mir und dem „publikum“. andere verstehen twitter als politische plattform, als hobby, als beichtstuhl, als stammtisch. für mich ist twitter das eingangs zitierte leben auf der spitze meines kugelschreibers.
was nicht heißt, dass nicht auch meine stimmungen gelegentlich sichtbar sind. was nicht heißt, dass ich mich nicht für andere künste, konzepte und menschen interessiere. für originale wohlgemerkt, nicht für plagiate. menschen, die ich – in welchem bereich auch immer - für originale halte, habe ich bisher im deutschsprachigen twitterraum wenige gefunden, etwa 200, wenn ich es in zahlen schätzen soll. nur 140 davon kann ich leider folgen. aber ich switche hin und her. wen ich vermisse, dem folge ich wieder.
seit einigen tagen geht twitter – über den unbestreitbaren suchtfaktor hinaus - für mich auf die nächste ebene. es gibt twitterer, an die ich beginne, mich emotional zu binden, die meine stimmungen beeinflussen. das löst bei mir ein zwiespältiges gefühl aus. manchmal muss ich mich einen tag rausziehen. es gibt twitterer, die mich ermahnen, ich solle dies nicht tun, sondern jenes. allein dass ich zum beispiel nichts gegen @saschalobo einzuwenden habe, ist offenbar für manche aktuell ein ärgernis. denn er hat ja die bewegung verraten, indem er im vodafone-spot auftritt, er wird ein star (sauerei), er spielt sich angeblich als führer auf, obwohl ihn keiner gewählt hat, und zu allem überfluß hat er erfolg und verdient geld (nach „selbstvermarktung“ zwei weitere todsünden in deutschland – unsere helden sind gefälligst erfolglos, selbstlos und arm, alle sollen es gleich schlecht haben), und wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
was also mache ich, die ich mich lebenslang nicht in gruppen einordnen konnte, an diesem erkenntnis-punkt? @stricktier empfiehlt, „wie wäre es damit, einfach "bei uns" zu bleiben, statt nach "denen da draußen" zu schauen?“ ein großmütiger vorschlag. ich würde gern dankend annehmen, aber ich verstehe die frage nicht. soll i aus meim hause raus? soll ich aus meim hause nit raus? einen schritt raus? lieber nit raus? hab ich die probezeit nicht bestanden?
nach knapp drei monaten ist die twitterei aus meinem täglichen leben nicht mehr wegzudenken. wie auch früher beim bloggen entscheide nur ich, welche themen ich wie behandele, mit wem ich mich worüber unterhalte, wem ich antworte, wen ich empfehle und wie lange welcher tweet stehen bleibt. wie auch beim bloggen ist nicht jeder von meiner art, mir das leben zurechtzuschneidern, begeistert.
auch im märchenwald gibt es grüppchenbildung, grabenkämpfe, eifersucht, rechtfertigungszwang. es ist genau wie draußen, nur eben kleiner. meine twitterkrise kann ich mit einer liedzeile von johnny dowd beenden: „i know what i know, i do what i do. you don’t like my coat? fuck you!“ oder fällt so ein schluß aus dem angedachten märchenrahmen? dann hab ich einen niedlicheren parat: ich hab ein knusperhäuschen in twitterhausen bezogen. und wenn ich nicht gestorben bin, dann lebe ich noch heute da.
es ist, als hätte ich, eine einzelgängerin und eigenbrötlerin, die auf jeden zornig ist, der auch nur wagt, anzurufen, plötzlich tag und nacht die bude voll. 140 menschen reden dort durcheinander. meist monologisieren sie, manchmal verstricken sie sich in gespräche. sie schildern ihre stimmungen, ihre reisen, ihre empörungen, ihre zyklen. neulich habe ich mich mit einer twitterin namens @puppiges spontan geprügelt. ich hatte soeben das wort „twitte“ erfunden und twitterte „ey du twitte“. @puppiges twitterte zurück „selber twitte“. so ergab eins das andere, @schlenzalot gab den ringrichter, und ich produzierte virtuelle twittermarmelade aus @puppiges. das war lustig, und die differenzfeministin @antjeschrupp musste hinterher einschätzen, ob virtuelle catfights sexistisch sind. dennoch hab ich die konversation stunden später gelöscht. es war situationskomik, ein augenblick, vorbei, verweht, nie wieder. ich konserviere einen moment, der sich einem neuleser, einem zurückleser, nicht erschließen würde, nicht im netz, nur im herz.
man soll auch nicht vom wege abgehen. wir wissen ja, wie es rotkäppchen erging. und wie hat es mich nur in diesen virtuellen märchenwald verschlagen? es fing ganz harmlos an. meine freundin aus new york mailte „hey, steve buscemi ist wieder besoffen.“ –„ach!“, schrieb ich, „woher weißt du?“ – „na, weil er das grad getwittert hat.“ ge-was? da fiel mir ein, ich hatte kurz vorher gelesen, dass thorsten schäfer-gümbel als erster deutscher politiker ein interview via twitter gegeben hatte. der wenig charismatische schäfer-gümbel ging noch hier rein da raus, aber wenn steve buscemi twitterte, dann wollte ich wissen was verdammt noch mal das ist.
ein asteroidenschlag! ein erdbeben! bereits nach wenigen twitter-tagen beschloß ich, mein internet-tagebuch nach neun jahren stillzulegen. ich wurde, wie viele twitter-neulinge, erst mal eine followerin von den üblichen, von obama, von david lynch, von stephen fry, von ashton kutcher, von @oprah und selbstredend von @steve_buscemi. der war unglaublich. er soff, er hurte rum, er provozierte, er fotografierte jedes sandwich, bevor er es aß, und einmal sogar sein quietsche-entchen. es war schon fast unheimlich. es war, als lebte er mit mir, tag und nacht. ich war ein bisschen verliebt. in kürzester zeit hatte buscemi 30 tausend followers. vielleicht waren die alle ein bisschen verliebt.
es war ein schwarzer tag, als sein fake-account aufflog. der mann war nicht steve buscemi, der war irgend jemand. was ging mich irgendjemandes quietsche-entchen an? für mich ging eine beziehung zuende. überdies war ich enttäuscht von obama pr-büro-links, von stephen frys angeblich literarischen texten, und david lynch, einer meiner top regisseure, verstörte mich regelrecht mit seinem verschwiemelten jürgen-fliege-ton.
eines tages folgte mir harald schmidt. das fand ich merkwürdig. es war zwar nicht ganz unmöglich, denn ich war zweimal zu gast in seiner show, damals, bei sat.1, aber twittern? na gut, vielleicht war @bonitotv jemand aus seiner redaktion. aber nein. auch dies war ein fake-account. reiner @calmund und @yokoono bedankten sich persönlich für mein folgen – mit einer standard-antwort zwar, aber immerhin. ich fand sie trotzdem irgendwann fad und kickte sie aus meiner timeline.
auf einen neu-twitterer stürmt sehr schnell sehr viel ein. erst findet eine art einbürgerungstest statt: lernt man selbstständig, was zu tun und zu lassen ist oder fragt an jemanden? was ist DM, was ist faven, was ist hashtag, was ist timeline? und wie ist die follow/unfollow-funktion zu managen? was hat das mit dem blocken auf sich, wie füllt man 140 zeichen, wie oft und, vor allem, womit?
ich wusste schnell, dass ich keine „mir ist so langweilig“ tweets schreiben wollte. auch, dass ich nicht vielen twitterern folgen wollte, weil das meine möglichkeiten als ein-mann-firma übersteigt. mein vorsatz war und ist, dass jeder meiner leser, und ich spreche von den lesern meiner bücher, jeder meine fernseh-zuschauer, es leicht haben würde, mich bei twitter zu finden und zu lesen. keine geheimsprache, kein verschwörerton, kein herrschaftswissen. just a place to be.
über twitter würde der fiktive zuschauer oder leser meine zeitungstexte finden, den termin meiner sendung erfahren, er würde wissen, wann lesungen sind, und ich würde aus meinen büchern zitieren. das wäre die pflicht. die kür bestünde in filmtipps, buchtipps, empfehlungen anderer twitterer und, sollte ein krümchen vom tisch des herrn fallen, hier und da ein bonmot. kurz: ich würde twitter inhaltlich und sprachlich auf meine bedürfnisse zuschneiden.
für mich funktionieren nur maßgeschneiderte lösungen. auch mit bloggersoftware von der stange bin ich nicht klargekommen. die twitter-familie hat mich gut aufgenommen. aber mein versuch, die zahl derer, denen ich folge, für überschaubar (140 scheint das maximum) und meine tweets „sauber“ zu halten, also täglich flüchtige gedanken, tagesaktuelle kommentare und replies zu löschen, führt zu kritik anderer twitterer. ein umstand, den ich bedauere, aber nicht leider ändern kann. ein beliebter kritikpunkt ist darüber hinaus der vorwurf, man wolle sich vermarkten.
was ist daran verwerflich? selbstverständlich will ich mich vermarkten. 1. weil das unabdingbar ist in meinem beruf, 2. weil ich das selbst – nach leidvollen erfahrungen mit fremdvermarktern – am besten kann und 3. weil sich jeder, der sich öffentlich äußert, vermarktet, manche gut, manche schlecht.
der mitschwingende twitter-tenor ist oft, wenn man schon mitspielt, dann richtig. man sollte sich revanchieren, also all denen folgen, die einen selbst verfolgen, und zwar möglichst für immer, so was wie ehe oder immobilienkauf. das lehne ich ab.
@stricktier hat mich heute beim „um-zu-twittern“ ertappt, und sie hat letzlich recht. für mich war twitter als idee weder eine kontaktbörse noch ein posiealbum. twitter ist work in progress. klar lerne ich menschen kennen, klar tausche mich aus, aber am ende des tages ziehe ich sehr wohl einen strich zwischen mir und dem „publikum“. andere verstehen twitter als politische plattform, als hobby, als beichtstuhl, als stammtisch. für mich ist twitter das eingangs zitierte leben auf der spitze meines kugelschreibers.
was nicht heißt, dass nicht auch meine stimmungen gelegentlich sichtbar sind. was nicht heißt, dass ich mich nicht für andere künste, konzepte und menschen interessiere. für originale wohlgemerkt, nicht für plagiate. menschen, die ich – in welchem bereich auch immer - für originale halte, habe ich bisher im deutschsprachigen twitterraum wenige gefunden, etwa 200, wenn ich es in zahlen schätzen soll. nur 140 davon kann ich leider folgen. aber ich switche hin und her. wen ich vermisse, dem folge ich wieder.
seit einigen tagen geht twitter – über den unbestreitbaren suchtfaktor hinaus - für mich auf die nächste ebene. es gibt twitterer, an die ich beginne, mich emotional zu binden, die meine stimmungen beeinflussen. das löst bei mir ein zwiespältiges gefühl aus. manchmal muss ich mich einen tag rausziehen. es gibt twitterer, die mich ermahnen, ich solle dies nicht tun, sondern jenes. allein dass ich zum beispiel nichts gegen @saschalobo einzuwenden habe, ist offenbar für manche aktuell ein ärgernis. denn er hat ja die bewegung verraten, indem er im vodafone-spot auftritt, er wird ein star (sauerei), er spielt sich angeblich als führer auf, obwohl ihn keiner gewählt hat, und zu allem überfluß hat er erfolg und verdient geld (nach „selbstvermarktung“ zwei weitere todsünden in deutschland – unsere helden sind gefälligst erfolglos, selbstlos und arm, alle sollen es gleich schlecht haben), und wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
was also mache ich, die ich mich lebenslang nicht in gruppen einordnen konnte, an diesem erkenntnis-punkt? @stricktier empfiehlt, „wie wäre es damit, einfach "bei uns" zu bleiben, statt nach "denen da draußen" zu schauen?“ ein großmütiger vorschlag. ich würde gern dankend annehmen, aber ich verstehe die frage nicht. soll i aus meim hause raus? soll ich aus meim hause nit raus? einen schritt raus? lieber nit raus? hab ich die probezeit nicht bestanden?
nach knapp drei monaten ist die twitterei aus meinem täglichen leben nicht mehr wegzudenken. wie auch früher beim bloggen entscheide nur ich, welche themen ich wie behandele, mit wem ich mich worüber unterhalte, wem ich antworte, wen ich empfehle und wie lange welcher tweet stehen bleibt. wie auch beim bloggen ist nicht jeder von meiner art, mir das leben zurechtzuschneidern, begeistert.
auch im märchenwald gibt es grüppchenbildung, grabenkämpfe, eifersucht, rechtfertigungszwang. es ist genau wie draußen, nur eben kleiner. meine twitterkrise kann ich mit einer liedzeile von johnny dowd beenden: „i know what i know, i do what i do. you don’t like my coat? fuck you!“ oder fällt so ein schluß aus dem angedachten märchenrahmen? dann hab ich einen niedlicheren parat: ich hab ein knusperhäuschen in twitterhausen bezogen. und wenn ich nicht gestorben bin, dann lebe ich noch heute da.
27.06.2009
19:18
leipzig
deutschland
